Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

Mittelspiel

Es ist der 17. Zug im 3. Spiel der Schachweltmeisterschaft, die gerade in Dubai stattfindet, da geschieht etwas Kurioses: Weltmeister Magnus Carlsen zieht und geht. Sein Herausforderer Ian Nepomniachtchi sitzt ebenfalls nicht am Brett. Fast sechs Minuten bleibt das Brett verwaist. 

„Seht auf und erhebt eure Häupter“, heißt es in einem Bibelvers. Seht auf und erhebt eure Häupter, weil die Sicht eingeschränkt ist, wenn man nach unten sieht und konzentriert brütet über das Spielfeld des eigenen Lebens. Jede Entscheidung, jeder Zug in deinem Leben hat zu deiner Lebenssituation beigetragen. Jede Entscheidung kann hinterfragt werden. Doch welcher Gegner sitzt dir eigentlich im Leben gegenüber? Es scheint der Schatten deiner selbst, der wie eine weit überlegene Künstliche Intelligenz die Züge im Voraus kennt und dich langsam Schachmatt setzen will. Du schlägst dich selbst.  

Die Adventszeit ist traditionell eine Zeit der Buße. Buße wird häufig mit dem Blick auf die eigene Schuld in Verbindung gebracht. Allerdings gehört im Neuen Testament die Buße zur frohen Botschaft hinzu: Sie ist eine Umkehr hin zum Leben. Umkehren kannst du nicht, wenn du ständig nach unten schaust auf das undurchschaubare Dickicht der eigenen Entscheidungen. „Sieh auf und erhebe Dein Haupt“, damit du dich frei umschauen kannst. 

Das erhobene Haupt und der freie Blick lassen die Stellung des Lebens für einen Moment unangerührt. Das Spielfeld scheint verwaist. Da rühren sich die Figuren plötzlich selbst. Sie offenbaren ihren Charakter, geben die Richtung an, in die sie ziehen oder gezogen werden können. Ich glaube, Gott selbst ist in den eigenen und den gegnerischen Figuren, die deine Situation im Leben mitbestimmen. Doch sie spielen eigentlich nicht gegeneinander. Denn das Leben ist in Wahrheit kein Spiel. Die Figuren wollen entwickelt, gut positioniert, abgetauscht und von Zeit zu Zeit in Schach gehalten werden. Dein wahres Gegenüber will, dass du gewinnst. Der Bibelvers kennt eine Fortsetzung: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht“. 

Als Nepomniachtchi zum Brett zurückkehrt überlegt er nicht lange und zieht den Läufer auf c3.   

Daniel Koppehl, Pfarrer im Pfarrsprengel Joachimsthal, Althüttendorf, Golzow

Letzte Änderung am: 02.12.2021